Interview mit Fritz Ehmke

28. Dezember 2016 - Griesheimer Woche - Südhessen

 

„Mundart lässt die Seele sprechen“

Fritz Ehmke von den „Mundartfreunden Südhessen“ über die Zukunft des Babbelns in der Region Südhessen

 

(wb.) - Schon als Kind hat der kleine „Fritzel“ mit Mikrofonen, Tonbandgeräten, Lautsprechern und Verstärkern gebastelt. Der erwachsene Fritz Ehmke wurde Ingenieur der Nachrichtentechnik, um Konflikte in der Messtechnik und EDV-Welt zu lösen. Seiner Leidenschaft für Tonaufnahmen unter Einsatz professioneller Technik ist er bis heute treu geblieben. Im Dachgeschoss seines Hauses in Lützelbach entstehen ganz bezaubernde Mundart-CDs wie „Horsch emol, wie schai ...“ und „Woihnachde is do“ oder „Bachgasserinnerunge“ und „Have you Ladewäjerierer“ mit den letzten „Bänkelsängern Theo und Adam“. Aktuell wird eine Mundart CD von und für Kinder produziert. Denn bei Fritz Ehmke dreht sich alles um den Erhalt der hessischen Mundart, verbunden mit einem guten Zweck. Mit einer CD hat der Chef der „Mundartfreunde Südhessen“, selbst begeisterter Chor-Sänger,  sogar den Vatikan überzeugt: Papst Benedikt segnete das Werk höchstselbst.
Herr Ehmke, isch versuch‘s  emol: Wie mer herd, babbele Sie a im Traoum, orrer?

Fer ‘en Aoufenger ned schlächd. Ja, isch babbel, waonn isch vun unserne Veoustaldunge unn Projekte traome du. Aber lassen Sie uns besser Hochdeutsch reden, sonst verstehen uns die vielen Zugereisten nicht. In Ordnung. Im Traum unterhalte ich mich oft mit meinen Freunden in Mundart. Sie glauben gar nicht, wie viel Spaß es macht, gemeinsam mit motivierten Menschen ein so schönes Hobby zu pflegen. Es sind Künstler dabei, die ihr ganzes Leben rund um den Kirchturm verbracht haben, die im Ort sehr beliebt sind und zu Festen eingeladen werden, um Gedichte und Lieder vorzutragen, die  irgendwann in Vergessenheit geraten könnten. Wir von den „Mundartfreunden Südhessen“  bieten diesen Originalen eine Plattform und eine Gelegenheit, sich über die Ortsgrenzen hinaus einem breiteren Publikum zu präsentieren. Wie viele Dialekte beherrschen Sie eigentlich? Ich habe sie nicht gezählt, aber ich höre fast immer heraus, in welcher Region Hessens jemand zu Hause ist. Mundart ist sehr facettenreich, in Südhessen gibt es unzählige Mikro-Dialekte. In Lützelbach, wo ich wohne, sprechen wir einen anderen Akzent als in Gadernheim oder in Brandau, drei Kilometer weiter. In Heppenheim wird mehr gesungen, mit einem Pfälzer Einschlag. In Pfungstadt oder Seeheim-Jugenheim hört man die Verstädterung heraus, es fließen hochdeutsche Begriffe mit ein. Die Zugereisten hinterlassen ihre Spuren, die Sprechweisen durchmischen sich mehr und mehr. In Bayern, Baden Württemberg, Sachsen und in Norddeutschland wird Mundart in Schulen und Kindergärten gefördert, in Hessen gibt es noch Akzeptanzprobleme. Woran liegt das? Viele Eltern befürchten, dass Mundart etwas für unbedarfte Bauern im Odenwald sei. Sie glauben, dass ihre Kinder, wenn sie Mundart sprechen, später im Beruf Probleme bekommen, für ungebildet und für dumm gehalten werden. Dieser Irrglaube herrschte bis in die achtziger Jahre hinein und wird bis heute an die nächsten Generationen weitergegeben. Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Das Gegenteil ist der Fall. Kinder, die Deutsch und Mundart parallel lernen, sind nachweislich die besseren Schüler. Sie machen weniger Rechtschreibfehler, haben in Mathematik bessere Noten und lernen leichter Fremdsprachen. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Wie funktioniert das? Das Gehirn wird besser trainiert. Für fast jedes hochdeutsche Wort gibt es mehrere mundartliche Begriffe. Wer sie lernt und spricht, muss im Gehirn ständig umschalten. Dabei werden mehr Neurone und Verknüpfungen aktiviert, die Kinder werden insgesamt lernfähiger. Den Unkenrufen zum Trotz: Die „Mundartfreude Südhessen“ werden immer bekannter. Der Benefiz-Abend „Mundart lebt“ am 15. Oktober in Heppenheim-Erbach war ausverkauft. Ja, das macht uns sehr glücklich, zumal der Erlös wieder dem „Verein für krebskranke und chronisch kranke Kinder Darmstadt/Rhein-Main-Neckar“ zugute kommt. Es wurden mehr als 700 Eintrittskarten verkauft. Wir werden großartig unterstützt. Die Stadt stellte uns die Mehrzweckhalle zum Nulltarif zur Verfügung, alle Akteure waren vor, während und nach dem Event ehrenamtlich im Einsatz. Zwei weitere Projekte der „Mundartfreunde Südhessen“ sind die Produktion von Benefiz CDs und die Auszeichnung mit dem Schild „Mer babbele Mund-Art“. Genau, ich sage immer: „Mundart wird geschützt, indem man sie benützt“. Mit dem Kult-Schild „Mer babbele Mund-Art“, wofür ich selbst zu Hause die Trägerplatten anfertige, zeichnen wir Gastronomen, Geschäfte, Rathäuser und andere Einrichtungen aus, in denen Mundart gepflegt wird. Das signalisiert: Jeder darf – und soll – mitbabbeln. Wir haben bereits mehr als hundert Schilder in Südhessen angebracht, eins hängt am Kreishaus in Dieburg. Babbelt der Landrat korrekt? Das kann man wohl sagen. Pit Schellhaas stammt aus Ernsthofen im Modautal und spricht einen astreinen Dialekt. Die Schilder-Aktion hat toll eingeschlagen. Auch junge Leute merken: Da könnte etwas Wertvolles verloren gehen. Selbst „Hit Radio FFH“ hat über uns berichtet, dabei hätte ich eher „hr 4“ erwartet, den Sender für uns Senioren. Übrigens fertige ich auch Großformate an, die kleben sogar auf Brummis und reisen quer durch Europa.

Demnächst prangt die Botschaft auch auf einer Banderole am Brandauer Fußballplatz in Modautal. Sollten Kandidaten fürs Bürgermeisteramt Mundart beherrschen? Sie hätten es auf jeden Fall leichter. Es gibt auch Unternehmen, die Wert darauf legen, dass ihre Vertreter Mundart sprechen. Stellen Sie sich vor, ein feiner Pinkel betritt ein Metallbau-Geschäft und sagt: „Guten Tag, könnten sie ein paar Metallschrauben gebrauchen.“ Ganz anders wirkt: „Ei, guure wie, kennd ehr wirrer Schrauwe brauche.“ Das öffnet Tür und Tor: Das ist einer von uns, der identifiziert sich mit uns, mit unserer Heimat, mit unserer Gegend ...

Auch von den Weihnachts-CDs hört man nur Gutes. Die erste war der Hammer! Die Kreisverwaltung hatte die Idee zu klingenden Weihnachtsgrüßen und dachte: „Fragen wir doch mal den Fritzel.“ Denn bis dahin gab es keine Weihnachtslieder in südhessischen Mundart, von wenigen Gedichten abgesehen. Also startete ich einen Rundruf, und sechs Wochen später war „Woihnachde is do“ mit acht Titeln fertig, gerade noch rechtzeitig. Zum Abmischen der Kirchenglocken war die Kreisverwaltung extra bei mir im Studio. Später beschwerten sich viele Mundartler außerhalb von Darmstadt-Dieburg, weil sie nicht dabei waren, aber ich konnte ja Weihnachten nicht verschieben. Auf der nächsten CD „Weihnachde is do, Nummer zwo“ waren dann auch Freunde aus dem Kreis Bergstraße und dem Odenwaldkreis vertreten.

Wie war das damals mit Papst Benedikt und der CD? Ich hatte zusammen mit Hans-Otto Rüger und dem „Männerchor Liederkranz 1863 Büttelborn“ als erster Männerchor Deutschlands eine dem Papst gewidmete CD produziert, die der Oberhirte selbst segnete. Der Erlös war für krebskranke Kinder und ein Kinderheim in Peru bestimmt. Wie weit reicht Ihr Einfluss innerhalb Deutschlands? Momentan baue ich Kontakte zur Landesregierung in Wiesbaden auf und kooperiere mit den Mundartfreunden in Bayern, die sich dem Thema sprach-wissenschaftlich nähern. Dazu wird in der Fachpresse bald ein Artikel erscheinen. Weiterhin interessiert sich die Zeitschrift „Eltern“ für unser aktuelles Projekt „Mundart von und für Kinder“ und wird darüber berichten.

Und wie geht es der hessischen Mundart im Internet? Wir haben auf unserer Website www.gebabbel-suedhessen.de täglich Besucher aus aller Welt, unsere CDs werden weltweit gehört. Der umfangreiche E-Mail-Verteiler enthält unter anderem viele Adressen aus Afrika und Amerika, von Auswanderern, die sich der alten Heimat verbunden fühlen. Wenn sie zu Besuch sind, können sie von dem Gebabbel hier gar nicht genug bekommen. Falls die Mundart verschwinden sollte, was ginge noch verloren? Identität. Unser Landrat hat den Spruch geprägt: „Mundart schafft Identität.“ Das stimmt. Wo gebabbelt wird, hat man das Gefühl, man ist zu Hause. Wenn ich im Urlaub bin und höre jemanden babbeln – ach, das ist so schön! Umgekehrt fühlt man sich manchmal wie vor den Kopf gestoßen, wenn man einen Laden betritt, und man wird in perfektem Hochdeutsch begrüßt. Ist Mundart das tolerantere Deutsch? Unbedingt, in Mundart können  Sie einem Worte an den Kopf knallen, die sie in Schriftdeutsch nie äußern würden, weil sie dann mit einer Beleidigungsklage rechnen müssten. Statt „Idiot“ sagen wir „Knallkopp“ oder „Dollbohrer“, statt „Du hast Mist gebaut!“ sagen wir „ei horsch emol meun liewer, waos hosch de daonn do gemaochd...“ Härteste Kritik wird liebevoll mit Charme umwickelt und tut dann nicht mehr weh. Andererseits kann Mundart Menschen ausgrenzen. Mag sein, aber sie zu lernen, ist kinderleicht und macht großen Spaß. Die CDs, die ich produziere, gehen weg wie warme Semmeln. Wir haben immer so viel Material, dass gar nicht alles drauf passt. Zum Glück sind es zeitlose Stücke. Was das Singen betrifft, sind die positiven gesundheitlichen Wirkungen bekannt. Wie ist es beim Babbeln? Unsere Mundartfreunde im Vogelsbergkreis haben mit Babbel-Schildern auch Kliniken kenntlich gemacht, mit der Folge, dass sich die Patienten dort wohler fühlen, weil ungehemmt gebabbelt werden kann. Sie leiden nachweislich weniger unter Ängsten und Stress. Was bedeutet Ihnen die Förderung der Mundart persönlich? Sie lässt die Seele sprechen. Als Ingenieur habe ich lange in der Messtechnik-Branche gearbeitet. Einmal bin ich – per E-Mail war es, wie so oft, zu Missverständnissen gekommen – wutschnaubend in das Büro eines Kollegen gestürmt und habe gebrüllt: „Ich greif mir gleich ihre Blechkiste und schmeiße das Ding zum Fenster raus, wir müssen uns in die Augen gucken!“, in Mundart aber. Sie glauben ja nicht, wie gut das ankommt. Welche Zukunft geben Sie der Sprache der Seele? Sie wird überleben und sich mit dem Deutsch der Großstädter weiter vermischen, was es früher nicht gab, weil die Menschen in ihren Dörfern blieben. Es gibt so gut wie keine neuen Wörter, die Mundart-Asketen mögen das gar nicht. Man hört so ab und zu an den Haaren herbeigezogene Wortschöpfungen, die aber ganz schnell wieder verschwinden. Was macht ihnen persönlich am  meisten Freude an dem Hobby? Die Komponente Mensch. Ich bin kein Einzelgänger, ich bin ein Gruppentyp. Ich liebe es, mit motivierten Leuten etwas zu unternehmen, das inspiriert mich, das baut mich auf. Meine Frau hält mich für verrückt, ganz Unrecht hat sie nicht. Ich kann nächtelang am Computer oder im Tonstudio sitzen, unsere Facebook-Seite betreuen, Newsletter und Nachrichten schreiben und verschicken, do is mer nix zu schaod. Das ist Eustress pur, aber der macht nicht krank, sondern höchstens müde, weil ich nicht ins Bett komme. Herr Ehmke, isch kaonn‘s nedd losse: Daonkschee fer des Gespräsch.

(Des Innerview führte Wolfgang Bäumer)

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